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Wolfram Heinz

Kardinal Stepinac und die Ustascha

Seligsprechung trotz Verwicklung mit einem faschistischen Regime

Im Oktober 1998 hat Papst Johannes Paul II. den kroatischen Kardinal Alojzije Stepinac (1898-1960) zum Märtyrer erklärt und seliggesprochen. Im faschistischen Ustascha-Kroatien spielte der Kardinal jedoch eine unselige Rolle. Wie die Missionierung Rußlands, so ist auch die Katholisierung des Balkans und damit die Vernichtung der Orthodoxie seit der Abspaltung des Katholizismus vom orthodoxen Glauben im Jahre 1054 immer ein Ziel des Vatikans gewesen.

In Jugoslawien, das nach dem Ersten Weltkrieg Serbien und Montenegro mit Kroatien, Slowenien, Bosnien und der Herzegowina zusammenschloß, mußten Völker und Konfessionen miteinander auskommen, deren gemeinsame Tradition eine des Gegensatzes und der Feindschaft gewesen war. Besonders die streng katholischen Kroaten fühlten sich gegenüber einer Mehrheit orthodoxer Serben im Nachteil, wollten auch mit der jüdischen und islamischen Minderheit nicht koexistieren und forderten ihre Unabhängigkeit. Im Jahr 1919 gründete der Katholik Ante Pavelic die “Partei der Aufständischen”, die Ustascha. Die zu diesem Zeitpunkt heimlich und illegal operierende Partei arbeitete mit Propaganda und Terror einem autonomen Kroatien vor.

Als im April 1941 Jugoslawien vor den Achsenmächten die Waffen streckte, war die Stunde der Ustascha gekommen. Ante Pavelic kehrte aus dem italienischen Exil heim, um als Führer von Mussolinis und Hitlers Gnaden dem kroatischen “Reich Gottes”, wie es von den Ustaschen genannt wurde, zu präsidieren. Der Ustascha gehörten katholische Priester und Mönche in leitender Funktion an. Landesweit bildeten Klöster und Kirchen ihre Stützpunkte. Mit Hitlers Rückendeckung riefen die Ustaschen einen “Unabhängigen Staat Kroatien”aus, der flächenmäßig etwa zwei Fünftel des ehemaligen jugoslawischen Territoriums einnahm. Von seinen sechs Millionen Einwohnern waren rund drei Millionen katholische Kroaten. Mehr als zwei Millionen waren orthodoxe Serben, etwa eine halbe Million islamischen Glaubens; der Rest verteilte sich auf andere Minderheiten, darunter 40.000 Juden.

Die Ziele des neugegründeten Ustaschen-Staates deckten sich mit denen des Vatikans: Die orthodoxen Serben störten dabei; daher sollte mit ihnen kurzer Prozeß gemacht werden. “Alle Serben in möglichst kurzer Zeit zu töten. Das ist unser Programm”, rief beispielsweise der Franziskanerpater und Zivilgouverneur Simic aus. Im Juni 1941 umriß der Minister für Erziehung und Kultur, Mile Bubak, seine Prioritäten folgendermaßen: “Grundlage für die Bewegung der Ustaschen ist die Religion. Für Minderheiten wie Serben, Juden und Zigeuner haben wir drei Millionen Kugeln zur Verfügung. Wir werden ein Drittel der Serben töten, ein Drittel vertreiben und ein Drittel zwangsweise taufen. So wird das neue Kroatien alle Serben in seiner Mitte loswerden, um innerhalb von zehn Jahren zu 100% katholisch zu werden.”1

Schnell wurde diese Drohung in die Tat umgesetzt: 299 serbisch-orthodoxe Gotteshäuser fielen dem katholischen Kreuzzug zum Opfer, wurden ausgeraubt, vernichtet, zu Schlachthäusern oder gar öffentlichen Toiletten gemacht. Den ganzen Besitz der serbisch-orthodoxen Kirche kassierte die katholische.

Mitte 1941 wurden in Glina etwa 500 Serben ermordet. Serbische Bauern, die vor den Greueltaten in die Berge flüchteten, wurden von der Ustascha mit der Zusicherung, ihnen werde nichts geschehen, falls sie sich katholisch taufen ließen, in ihre Dörfer zurückgelockt, wo sie in ihre Kirche getrieben und bestialisch ermordet wurden. Neben den Greueltaten mit “Zufallscharakter” gab es Vernichtungslager – das berüchtigste davon war Jasenovac. In diesem Lager wurden rund 200.000 Serben und Juden ermordet. Der zeitweilige Kommandant des Lagers, Filipovic, war Franziskaner und auch sein Nachfolger Ivica Brkljacic war Priester. Die Kirchenmänner waren sich nicht zu schade, selbst Hand anzulegen: Der Geistliche Juricevic verkündete beispielsweise: “Niemand soll denken, daß ich, weil ich ein Priester bin, kein Maschinengewehr in die Hand nehmen kann.” Auch Filipovic und Brkljacic ermordeten eigenhändig Hunderte von orthodoxen Serben.

Viele Morde der Folterknechte in Jasenovac sind durch Fotografien für die Nachwelt dokumentiert und es ist besonders erschütternd zu sehen, mit welchem Sadismus diese Unmenschen ihre Opfer eigenhändig köpften, erdrosselten, erschossen.

Am 8. Mai 1945 zog die jugoslawische Volksbefreiungsarmee in Zagreb ein. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches und dem Sieg der Partisanen auf dem Balkan entstand Jugoslawien bekanntlich neu, diesmal unter Hammer und Sichel. Die oberen Chargen der Ustascha-Schlächter flüchteten ins Ausland – Parteigründer Ante Pavelic beispielsweise nach Argentinien – oder wechselten rechtzeitig die Fronten.

Die Rolle von Erzbischof Stepinac

Alojzije Stepinac wurde am 8. Juli 1898 geboren. Zum Zeitpunkt der Rückkehr von Ante Pavelic aus seinem italienischen Exil nach Jugoslawien im Jahre 1941 war Stepinac bereits Erzbischof und Primas von Kroatien. Die Nachricht von der Rückkehr des Ustaschen-Führers nahm er freudig auf. Bereits einen Tag nach der Proklamation des “Unabhängigen Kroatien” ging Stepinac zu Pavelics Stellvertreter, General Kvaternik, und erwies ihm seine Reverenz.

Von der ersten bis zur letzten Stunde kollaborierte der Erzbischof, gleichzeitig auch Präsident der kroatischen Bischofskonferenz, mit dem Regime, dessen Verbrechen er und seine Bischöfe – wenn überhaupt – nur sehr rücksichtsvoll kritisierten. Am 16. April 1941 gab Stepinac zu Ehren des zurückgekehrten Pavelic ein Essen im erzbischöflichen Palast. Im offiziellen Tagebuch des Kirchenfürsten heißt es über seine Unterredung mit Pavelic: “Der Erzbischof erteilte ihm für seine Arbeit den Segen. Als dann der Erzbischof geendet hatte, sagte Pavelic, der auch als Führer (Poglavnik) angesprochen wurde, daß er der katholischen Kirche in allem zu helfen wünsche. Er sagte auch, er werde die Sekte der Altkatholiken, die nichts anderes als eine Gesellschaft für die Ehescheidung sei, ausrotten.” Diese Worte stießen bei Stepinac auf Wohlwollen. Zu Gunsten des Ustascha-Staates veröffentlichte Stepinac am 28. April einen Hirtenbrief mit folgendem Wortlaut: “Obwohl die aktuellen Ereignisse sehr verwickelt sind, obwohl die Faktoren, die ihren Lauf beeinflussen, sehr verschieden sind, ist es jedoch leicht, die Hand Gottes in diesem Werk zu erkennen.”

Als im November 1941 dem katholischen Klerus Kroatiens bekannt wurde, daß nicht so sehr getauft, als viel eher gleich gemordet wurde, schrieb die unter dem Vorsitz von Stepinac tagende Bischofskonferenz einen Brief an den Ustascha-Führer Pavelic: “Wir wollen sie [die Fehler, WH] nicht als Folge des Systems betrachtet wissen, sondern als Ergebnis von unverantwortlichen Elementen, die sich ihrer großen Verantwortung und der Konsequenzen nicht bewußt waren. (...) Wir danken Gott, dem Allmächtigen, daß durch Euer Werk, Poglavnik, die Lage sich zu ordnen beginnt.”3

Nachdem im Frühjahr 1943 der größte Teil der in Lagern befindlichen Juden im deutschen Okkupationsgebiet Kroatiens nach Auschwitz deportiert worden war, reiste Stepinac nach Rom, wo er auf die Judenverfolgung in Ustascha-Kroatien angesprochen wurde. Er verteidigte ihre Verfolgung mit dem Argument, die Juden hätten eine verbrecherische Einstellung zur Abtreibung.

Erzbischof Stepinac hetzte auch, als die italienischen Faschisten – die ja in der Frage des religiösen Bekenntnisses liberal waren – unter General Roatta, dem Kommandanten der zweiten Armee, 600.000 Serben vor den Ustascha-Truppen retteten. Stepinac schrieb voller Empörung in einem Brief an den italienischen Botschafter in Zagreb: “Die Schuld und Verantwortung vor Gott und der Geschichte wird das katholische Italien haben, wenn dieser katholische Teil Kroatiens das künftig nicht mehr sein wird.”4

Als sich 1943 die militärische Situation der Achsenmächte zunehmend verschlechterte und die Überlebenschance des Vasallenstaates Kroatien zu schwinden begann, beschwor Stepinac in einem Memorandum Papst Pius XII., alles zu tun, um den Staat zu retten: Im Falle seines Untergangs würde ... die gesamte katholische Bevölkerung ... mit all ihren Kirchen und Klöstern vernichtet werden."5

Da der Papst nicht helfen konnte, wandte sich Stepinac direkt an den Himmel: Im Juli 1944 begab er sich auf eine Wallfahrt nach Marija Bistrica und betete: “Unsere Bitte an die Mutter Gottes lautet: Hilf uns! Heute, da die Welt zerbricht und eine Flut von zersetzenden Ansichten die Seelen überschwemmt, hilf dem kroatischen Volk, seiner katholischen Vergangenheit treu zu bleiben. Schon seit zwei Jahrzehnten wurde immer versucht, der Welt die kommunistische Weltanschauung aufzudrängen. Das kroatische Volk hat sie bis jetzt abgelehnt. Hilf, daß es sie auch in Zukunft abwehrt.”6 Aber bekanntlich half auch der Himmel nicht.

Nach dem Zusammenbruch des kroatischen Ustascha-Staates lebte Stepinac zunächst völlig unbehelligt von der Justiz in Zagreb. Er zog sich nicht etwa diskret aus dem öffentlichen Leben zurück. Im Gegenteil: in einem Interview, das er im Jahre 1946 einem englischen Journalisten gab, forderte er vom Westen den Einsatz der Atombombe zum Sturz der sozialistischen Regierung in Belgrad.

Erst Ende 1946 wurde Stepinac dann doch verhaftet und vor Gericht gestellt. Es erwartete ihn keine Siegerjustiz, sondern ein faires Verfahren. Die Weltpresse war eingeladen worden, das Verfahren zu verfolgen, und auf Anordnung der Regierung wurden ausschließlich Katholiken als Richter zugelassen. In dem Prozeß wurde Stepinac zu 16 Jahren Haft verurteilt. Nach fünf Jahren wurde er begnadigt. Im Jahr 1953 verlieh ihm Papst Pius XII. “für seine großen Verdienste” den Kardinalsrang. Alojzije Stepinac starb am 10. Februar 1960.

Im Jahr 1994 hatte Papst Johannes Paul II. bei seinem ersten Besuch in Kroatien Alojzije Stepinac als “hervorragende und verehrungswürdige Gestalt, als Bollwerk der Kirche Kroatiens” bezeichnet. Die katholische Kirche ist bis heute eine Neubewertung ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg schuldig geblieben. Im Gegenteil. Mit der Anfang Oktober 1998 erfolgten Seligsprechung des Kriegsverbrechers Stepinac hat sich der Vatikan mehr denn je von der berechtigten Forderung entfernt, seine Mitschuld an der Tragödie des Zweiten Weltkrieges einzugestehen.

(zuerst erschienen in der freidenker 4/98)

Anmerkungen:

1 zitiert nach Vladimir Dedijer: Jasenovac: Das jugoslawische Auschwitz und der Vatikan, Freiburg 1993

2 vgl. Karlheinz Deschner: Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert, Reinbek 1991

3 zitiert nach Carlo Falconi: Das Schweigen der Päpste. Eine Dokumentation, München 1966

4 zitiert nach Falconi, Das Schweigen der Päpste

5 zitiert nach Falconi, Das Schweigen der Päpste

6 zitiert nach Dedijer, Jasenovac


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